Antje Geisel / Resilienz / Bulimie

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Vortrag / Key Note
Präventionsunterricht

Als Teenager träumte ich von einem glücklichen, unbeschwerten Leben, von Sonne, Strand und Leichtigkeit. In dieser Zeit gab es noch kein Internet und keine Handys, emotional aufgeladene Werbetrailer zogen in die Medienwelt ein. Die Macht der Bilder und das Manipulative darin, für das ich anfällig war, verfehlten schon damals ihre Wirkung nicht. So kam es, dass das Lebensgefühl in der Bacardi-Rum-Werbung und die Menschen darin, die das Leben feiern und genießen, zu meinem Ideal und meinem Lebensziel wurden.

Als erstes musste mein Körper in die „richtige Richtung“ getrimmt werden. Mein Freizeitprogramm bestand aus Sport. Schwimmen, Tennis, Volleyball und Laufen – davon konnte ich nicht genug bekommen. Die beiläufige Bemerkung eines Sportfreundes „Du hast ja ganz schön stramme Waden“ brachte mein komplettes Selbstbild zum Wanken. Von einem Moment auf den anderen empfand ich mich auf allen Ebenen als ungenügend und vor allem auch als zu fett. Diese Gedanken überprüfte ich keine Sekunde lang auf ihren Wahrheitsgehalt. Stattdessen erinnerte ich mich an eine Methode, die mir kurz zuvor eine Freundin gezeigt hatte. Damit konnte man alles essen, nahm trotzdem nicht zu, im Idealfall sogar ab … Finger in den Hals und das Gegessene wieder rauskotzen. Ganz einfach.

So schlich sich die Bulimie unbemerkt in mein Leben. Aus „ab und zu rauskotzen“ wurde eine Angewohnheit, die ich schon nach wenigen Wochen nicht mehr abstellen konnte. Jahre vergingen, die Sucht hatte mich fest im Griff. Längst ging es nicht mehr nur ums Abnehmen. Der Tiefpunkt war erreicht, als ich mir sicher war, an der Krankheit zu krepieren. Zu der Zeit kotzte ich mir die Seele aus dem Leib, wollte raus aus meinem Körper, raus aus meinem Leben, fühlte mich wie eine leblose Hülle, empfand mein Leben als Alptraum. Gleichzeitig schämte ich mich unsäglich für das, was ich tat. Letztendlich reifte in dieser Zeit der Entschluss, mein komplettes Leben dem Gesundwerden unterzuordnen. Dieses neue Lebensziel läutete nach 7 Jahren Essstörung meinen Wendepunkt ein.

Freiheit von Abhängigkeit bedeutet,
Verantwortung zu übernehmen – für sich und das Leben.

Dank Therapie, Selbsthilfe, glücklichen Lebensereignissen, meiner Willenskraft und meinem Durchhaltevermögen ist mir der Neustart gelungen. Die Energie, die die Bulimie verschlang, lenkte ich fortan in eine gute, gesunde Richtung, kümmerte mich um meine Gesundheit, studierte Kommunikationsdesign, heiratete und wurde 1999 Mutter. 7 Jahre nach meinem Wendepunkt war ich mir sicher, nicht mehr rückfällig zu werden. Dabei ist es geblieben. 
Für dieses Geschenk, es geschafft zu haben und am Leben zu sein, bin ich bis heute zutiefst dankbar.

Die wichtigste Erkenntnis aus dieser Zeit ist, dass ich – genau so wie ich bin, mit allen meinen Ecken, Kanten, Unzulänglichkeiten, Fehlern und Schwächen, inklusive der Essstörung – in jedem Augenblick meines Lebens o.k. bin.
Sich aus dem Körper und dem Leben raus und an einen Südseestrand beamen. Das geht nicht. Gleichgültig wie schwierig die Lebenssituation ist oder wie schwierig man sie empfindet, man kann nicht vor sich selber und der Realität davonlaufen, bzw. sich dahingehend manipulieren, eine andere/ein anderer zu sein.

Ich bin, wie ich bin und so ist es gut!

Trotz allem am Leben zu sein, war die Motivation für meine Aktivitäten in der Selbsthilfe. Viele Jahre 
begleitete ich im Bereich Essstörungen Gruppen für Betroffene und Angehörige, halte seit 2009 
Präventionsworkshops für Mädchen und bin inzwischen Coach und Heilpraktikerin für Psychotherapie.

Auf die innere Stimme hören; neue, positive Denk-, Sicht- und Verhaltensweisen entwickeln; Resilienz entwickeln; die eigenen Ressourcen entdecken; Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen für das, was man tut und das, was man nicht tut; sich selbst vertrauen, achten und lieben; bei sich bleiben, echt und authentisch sein. Das habe ich in den Jahren gelernt und verinnerlicht. 
Das möchte ich weitergeben – dazu möchte ich Menschen ermutigen!